Pisa-Studie einmal anders: Entdecken Sie mit Ihren Kindern den „Schiefen Turm“ und die historische Altstadt

„Warum steht der Turm schief?“ „Fällt der Turm irgendwann um?“

 

Das Wahrzeichen von Pisa in der Toskana ist...

 

Diese Fragen stellte mir meine sechsjährige Tochter, als ich im Juli 2012 Campingplätze in der Toskana besichtigte und ihr von Pisa erzählte. Ausgangspunkt der Tour mit Kollegin Sandra Leupold war Pisa. Camping in unmittelbarer Nähe der kulturell reichen Städte Pisa, Florenz, Lucca und Siena, kombiniert mit Pool, Strandausflügen und Wanderungen durch die toskanische Landschaft: Das können unsere Vacanceselect-Gäste zu einem abwechslungsreichen und gleichzeitig naturnahen, kindgerechten Urlaub kombinieren. Nun habe ich meiner Tochter versprochen, dass es im „überübernächsten“ privaten Urlaub (wieder) nach Italien geht: Aber erst, wenn sie ein bisschen Mathe und Physik in der Schule gelernt hat. Dann könnten wir einige Fragen zu Pisa „vor Ort klären“. Um ihr und vielleicht auch einigen Lesern das Sightseeing ein bisschen kurzweilig zu gestalten, haben wir ein paar Geschichten von Pisa zusammen gestellt. Einmal eingetaucht, ist der Hintergrund zum Schiefen Turm kein langweiliger Schulstoff, sondern spannend wie ein guter Historienroman… Pisa, die Universitätsstadt am Fluss Arno, lag einst an der Arnomündung, direkt am Meer und gehörte neben Genua, Venedig und Amalfi im Mittelalter zu den vier mächtigen, freien Seerepubliken Italiens mit einer großen Flotte. Durch Handel und militärisches Agieren reich geworden, errichteten die Pisaner über mehrere Jahrhunderte eine riesige Kirchenanlage. Deren Platz nannte der Dichter D’Annunzio nicht umsonst Piazza dei Miracoli, Platz der Wunder. Zentraler Bestandteil ist der mächtige Dom. Er soll mit seinem prunkvollen Portal bis zur Fertigstellung der römischen Peterskirche und des Mailänder Doms die größte Kirche der Welt gewesen sein. Dahinter steht die größte Taufkirche der Welt, das Baptisterium mit dem riesigen Kuppeldach. Schauen Sie bitte einmal genau hin: Es hat ebenfalls eine – wenn auch ganz leichte – Schieflage. Im Innern herrschen besondere akustische Verhältnisse, die beim Singen von christlichen Liedern eigentümliche Echos hervorrufen.

 

…die weltgrößte Taufkirche in Pisa neigt sich nicht ganz so stark wie der Campanile…

 

… und der mächtige Dom aus weißem Marmor aus Carrara ist kerzengerade…

 

… naja, fast kerzengerade, an der Seite ein bisschen schief wie der Turm…

 

Weltberühmt hat Pisa jedoch der wunderschöne Campanile gemacht, der separat stehende, fast 60 Meter hohe Glockenturm. Schon kurz nach seiner Fertigstellung im Jahre 1350 neigte er sich gefährlich in Richtung Süden, wahrscheinlich, weil unter ihm zu einem Teil alte Mauern und festes Gestein, zum anderen morastiger Boden war. Dies war den Erbauern trotz 176-jähriger Bauzeit offenbar entgangen oder mit damaliger Technik nicht feststellbar. Nachdem der Turm sich bis 1993 um jährlich bis zu 1,2 Millimeter weiter neigte, beschlossen Pisa und der italienische Staat, das kulturell bedeutende Wahrzeichen zu erhalten. Und wer möchte schon einen liegenden Turm von Pisa ansehen? Mit unglaublicher Sorgfalt wurde der „Torre Pendente“, wie er auf Italienisch heißt, sogar um fast einen halben Meter wieder aufgerichtet, restauriert und stabilisiert. Heute hat er einen Neigungswinkel von circa 3 Grad. Er steht so fest, dass in kleinen Gruppen sogar Gäste hinaufsteigen dürfen, um den herrlichen Ausblick über die Stadt bis ans Meer und in die toskanischen Berge zu genießen (Tickets gegenüber, an der Nordseite). Eine große Attraktion sind die vielen Touristen, die wie Yogaschüler oder Schattenboxer aussehen, wenn sie sich in allen möglichen Posen fotografieren lassen: Ob es auf den Charakter schließen lässt, wie man sich fotografieren lässt, wie man den Turm mit Händen oder Füßen umstößt, vor dem Fallen bewahrt oder auf dem Rücken trägt?

 

Karate? Nein, ein Turmfoto in Pisa, der Fotografierende muß es jetzt mit dem Turm dahinter austarieren… Jeder hat dabei Spaß, tausende solcher Fotos werden bei Facebook gepostet…

 

Blick auf die Stadtmauer: Auf den weitläufigen Rasenflächen der Piazza del Duomo (Piazza dei Miracoli) darf zwar nicht gepicknickt werden, aber beim Betreten drücken die Wächter oft ein Auge zu

 

Wer nicht mehr laufen mag, nimmt den Mini-Zug…

 

… oder erholt sich an einem der ruhigen, grünen Plätzchen an der Stadtmauer, nur drei Gehminuten vom Turm entfernt

 

Der besondere Charme der gesamten Anlage ist, dass sie trotz jahrhundertelanger Bauzeit fast alle weiß strahlen und sehr einheitlich aussehen. Denn sie sind komplett aus dem hellsten Marmor aus den nahen Steinbrüchen von Carrara gebaut worden. Trotz der vielen Gäste aus aller Welt ist es rund um den Schiefen Turm entspannt: Denn die Stadt- und Kirchenoberen von Pisa ließen den Platz um Dom, Campanile und Baptisterium nicht bebauen. Stattdessen sind bis zur mittelalterlichen Stadtmauer große Rasenflächen drum herum, sodass das Ensemble umso großzügiger und beeindruckender wirkt. Platz für die vielen Bewohner des im Mittelalter boomenden Pisas wurde stattdessen in anderen Stadtteilen geschaffen.

 

 

In Pisa nur wenige Schritte vom von vielen Touristen besuchten Turm entfernt: ganz normales italienisches Stadtleben, schön zum Bummeln

 

So kommt es auch, dass wir schon wenige hundert Meter vom Schiefen Turm entfernt, in die gemütliche Atmosphäre einer italienischen Hochschulstadt eintauchen können: Vom Domplatz gelangen wir zur Haltestelle der Pferdekutschen am Dommuseum. Statt einer Rundfahrt per Droschke durch Pisa für 40 Euro für insgesamt 4 Personen gehen wir zu Fuß Richtung Süden in die Via Santa Maria. Nach einigen gemütlichen Straßencafés und Restaurants erreichen wir rechts die kleine Via Ghini. Sie führt zum Eingang in den ältesten botanischen Garten der Welt. Der rund zwei Hektar große, liebevoll angelegte „Orto Botanico“ der Università di Pisa zeigt hunderte Pflanzen aus aller Welt und bietet eine grüne Oase in der Stadt (Eintrittspreise: Familienkarte 6 Euro, einzelne Erwachsene 2,50 Euro, Kinder von 6-12 Jahren 1,50 Euro, Stand Juli 2012).

 

 

 

Wer jetzt noch mag, spaziert nach dem Besuch des Gartens weitere 200 Meter zum Arnoufer. Historische Fakultäten der 1343 gegründeten Universität säumen mit ihren prachtvollen Gebäuden den Weg. Galileo Galilei, der neben Kopernikus berühmteste Himmelsforscher, wurde 1564 in Pisa geboren. Der äußerst begabte und selbstbewusste Naturwissenschaftler schreckte auch nicht davor zurück, seine Theorien vom Planetensystem mit den Kirchenoberen zu diskutieren. Diese stolze Haltung trug ihm Jahrzehnte später, trotz zahlreicher Förderer auch in Kirchenkreisen, Hausarrest bis zum Lebensende ein. Galilei arbeitete drei Jahre an der Pisaner Uni. Dass er Fallversuche von der Spitze des Schiefen Turmes durchgeführt hat, soll zwar eine liebevoll gepflegte Legende sein – wie auch der Ausspruch „Und sie (die Erde) bewegt sich doch“ nach dem unterlegenden Prozess durch die Inquisition. Aber Galilei entwickelte in seiner Zeit in Pisa die Schiefe Ebene, die eine große Bedeutung für Versuche in der Physik erlangte. Auch ein einfaches Thermometer hat er hier erfunden sowie zahlreiche technische Messgeräte gebaut. Dass Galilei sich auch noch mit der Erforschung von Pendelbewegung und Parabeln sowie mit der Lichtgeschwindigkeit beschäftigte, übersteigt aber mein bescheidenes Verständnis von Mathe und Physik und die Geduld meiner Tochter – deshalb wenden wir uns wieder dem Schlendern durch Pisas Altstadt zu. Am Arno angekommen, halten wir uns wenige Minuten links und erreichen über die Uferstraße Lungarno Pacinotti und die Arnobrücke Ponte di Mezzo die Hauptstraße Corso Italia. Hier ist trotz der historischen Häuser das Herz des modernen Shopping- und Flanierlebens. Anders als in manchen Touristenhochburgen, ist es aber auch hier angenehm entspannt. Denn ein besonderer Reiz von Pisa ist, dass es im Sommer angenehm wenig überlaufen ist. Am Schiefen Turm ist so viel Platz, dass sich die Massen verteilen. Sobald man diesen Bereich verlassen hat, wird es typisch italienisch entspannt: Denn Pisa büßte ab dem 13. Jahrhundert im Zuge mehrerer Niederlagen gegen Genua und Florenz und wegen der zunehmenden Verlandung der Arnomündung seinen Status als Metropole und Seerepublik ein. Heute hat die kulturell immer noch reiche Stadt rund 90.000 Einwohner, von denen etwa 40.000 Studenten sind. Und diese sind in den Sommermonaten meist in den Semesterferien.
Übrigens, Pisa liegt extrem verkehrsgünstig: Vom Campingplatz River an der Grenze von Ligurien zur Toskana sind es nur etwa 35 Minuten zu den Parkplätzen rundum den Schiefen Turm (einfach Beschilderung zum Zentrum und zum Turmsymbol folgen). Süddeutsche Gäste reisen oft mit dem Auto an, von München sind es rund 6,5 Stunden. Für alle, die einen weiteren Weg haben oder auch bei einem Kurzurlaub in der nördlichen Toskana Zeit sparen möchten, bieten sich günstige Flüge an: Zum Beispiel mit Ryanair von Frankfurt-Hahn, Düsseldorf-Weeze oder Lübeck.
Ein Tipp für Reisende ohne oder mit kleinen Kindern, die Pisa außerhalb der Schulferien besuchen: Am 16. Juni findet in Pisa die reizvolle Luminara statt. Bei diesem Fest zu Ehren des Stadtheiligen werden alle elektrischen Lichter am Ufer des Arno gelöscht. Stattdessen stellen die Bewohner tausende Kerzen in die Fenster. Das erzeugt eine zauberhafte Atmosphäre.
Willkommen in der nördlichen Toskana, in Pisa! Camping im Mobilheim, Wohnwagen oder Zelt: Hauptsache es gibt viel Spaß und viel zu erleben für Eltern und Kids!
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Klaus Schneider, Sandra Leupold, Vacanceselect, Hamburg, 26.07.2012